Zu der Burg Wasigenstein gehört unbedingt die Sage von dem Gefecht im Wasgenwald, die Bestandteil des Walthariliedes ist. Etwa gegen 930 schrieb der 973 verstorbene Benediktanermönch Ekkehart I. von St. Gallen dieses Ritterepos, welches inhaltlich in den Nibelungenzyklus gehört, in Romanform. Die Geschichte spielte sich etwa so ab:

Die Sage von Walther und Hildegunde

Zu Zeiten der Heerfahrten des Hunnenkönigs Etzel (Attila) gerieten die Königskinder Hagen von Tronje, Sohn des Aldrian von Tronje, Walther von Aquitanien, Sohn des Königs Alpher von Aquitanien und Hildegunde von Burgund, Tochter des Königs Herrich von Burgund, als Geiseln in die Hand Etzels. Sie wurden am Königshof des Hunnenführers bestens erzogen und ausgebildet. Besonders Walther entwickelte sich zu einem besonders tapferen und starken Krieger und Schwertkämpfer.

Doch ihre Sehnsucht nach der Heimat war stets übermächtig geblieben. Als der Frankenkönig Gibich, der einst Hagen von Tronje als Geisel bestimmt hatte, gestorben war und sein Nachfolger König Gunter in Worms den fälligen Tribut an Etzel nicht mehr zahlen wollte, war die Stunde für Hagen von Tronje gekommen. Er floh vom Hofe Etzels nach Worms an den Rhein und wurde Lehensmann des Königs Gunter.

Auch Walther von Aquitanien plante seine Flucht, doch wollte er nicht ohne Hildegunde, die er inzwischen lieb gewonnen hatte, fliehen. Heimlich trafen die beiden alle Vorbereitungen für die Flucht. Sie sorgten für die nötige Ausrüstung und Waffen für Walther und vergaßen auch nicht, sich die zwei Schatztruhen voll Gold, die ihre Väter als Tribut zahlen mußten, anzueignen. Nach einer Feier, auf der Walther die Recken des Königs Etzel allesamt trunken gemacht hatte, traten die beiden Königskinder gemeinsam die Flucht an.

Nach langer Fahrt erreichten sie unversehrt den Rhein in Höhe des Odenwalds. Dort setzte ein Fährmann sie über und ihre Flucht ging weiter nach Frankreich, Richtung Chalon und Aquitanien. Dem Fährmann gaben sie zum Dank zwei besonders große, seltsame Fische, die sie unterwegs in der Donau gefangen hatten.

Der Fährmann verkaufte die Fische für gutes Geld an den Königshof in Worms. Als nun der habgierige König Gunter in Worms diese Fische auf seiner Tafel liegen sah, interessierte er sich für die Herkunft der beiden Fische. Der Fährmann wurde gerufen und er gab bereitwillig Auskunft über das mit Schätzen schwer beladene Paar, das Richtung Wasgenwald weitergezogen war. Anhand der Erzählung erkannte Hagen von Tronje, daß es sich bei diesem Paar nur um Walther und Hildegunde handeln konnte. Er freute sich auf ein Wiedersehen, was ihm allerdings sofort verdorben wurde, als König Gunter seinen Plan darlegte, den beiden mit einigen Recken zu folgen und sie um den Schatz zu erleichtern.

Widerwillig begleitete Hagen seinen Lehensherrn, nachdem er Gunter eindringlich vor der Stärke Walthers gewarnt hatte. Im übrigen hatte Hagen einen Traum gehabt, sein Herr wäre von einem wilden Eber schwer angefallen worden und er, Hagen, habe nur unter Verlust von einem Auge und sechs Backenzähnen seinen Herrn vor dem Tode erretten können. Doch auch diese letzte Warnung konnte Gunter nicht von seinen Plänen abbringen.

Walther und Hildegunde hatten inzwischen den Wasgenwald erreicht und machten unmittelbar am Wasigenstein Rast. Der Wasigenstein mit seinem Felsspalt eignete sich besonders gut als Raststätte, da er bequem von einem Kämpfer verteidigt werden konnte. Der müde Recke begab sich zur Ruhe und bat seine getreue Gefährtin, Wache zu halten.

Bald darauf sah Hildegunde blankes Metall durch die Zweige blinken und ängstlich weckte sie Walther, denn sie fürchtete schon, die verfolgenden Hunnen hätten sie eingeholt. Doch Walther erkannte in der Reiterschar seinen alten Freund Hagen im Kreise von fränkischen Recken. Da ihm die ganze Sache nicht recht geheuer vorkam, legte er sich seine Rüstung an, Helm, Speer, Schild, sein Langschwert und zusätzlich ein hunnisches Krummschwert. So erwartete er die Recken an der Felsspalte, die Jungfrau Hildegunde in seinem Rücken schützend.

Hagen von Tronje erkannte die äußerst günstige Position Walthers und riet seinem König, den Herold Ortwin von Metz als Unterhändler zu schicken. Unter der Bedingung, daß Walther den Goldschatz und Hildegunde als Geisel herausgeben würde, sollte er freien Abzug bekommen.

Als Ortwin von Metz dies Walther von Aquitanien mitgeteilt hatte, erwiderte jener, daß er die Bedingungen nimmer annehmen könne. Er wolle allerdings aus Höflichkeit dem König Gunter 100 Goldspangen Wegegeld aushändigen.

Als dem König Gunter diese Nachricht überbracht wurde, war er sehr ungehalten. Obwohl Hagen riet, sich mit dem Angebot Walthers zu begnügen, schickte Gunter nochmals Ortwin von Metz zu Walther, seine Forderungen zu bekräftigen. Obwohl Walther sein Angebot auf 200 Goldspangen erhöhte, konnte keine Einigung erzielt werden. Der erzürnte Ortwin von Metz schleuderte seinen Speer gegen Walther, der jedoch leicht parierte und Ortwin nach kurzem Kampf niederstreckte. Der Streit hatte begonnen.

Hagen von Tronje indes hatte sich grollend auf einen Felsklotz niedergelassen. Er sträubte sich dagegen, wider seinen Freund Walther zu streiten. Allerdings band ihn auch sein Lehenseid an König Gunter. Jener hingegen schickte seine übrigen Männer, einer nach dem anderen, zum Wasigenstein, wo Walther die Felsspalte geschickt verteidigte. Mehr als zwei Männer konnten dort nicht gleichzeitig kämpfen. So verloren nacheinander die fränkischen Recken Skaramund, ein Neffe Ortwins von Metz, Werinhard von Santen, der Sachse Eckefried und der Franke Hadwart im Zweikampf mit Walther ihr Leben.

Nun machte sich Patafried, ein Neffe Hagens, für den Kampf fertig. Hagen erschrak und bat seinen Verwandten inständig, vom Kampf abzulassen, da er mit dem sicheren Tod Patafrieds enden würde. Doch die Bitten Hagens waren vergeblich, ungestüm zog Patafried in den Streit. Gern hätte Walther den Neffen Hagens geschont, doch jener drang so trotzig auf ihn ein, daß Walther sich energisch zur Wehr setzen mußte. Nach kurzem Kampf lag Patafried niedergestreckt am Boden. Dem Neffen Hagens folgten Gerwig, Randolf und Helmnot in den Tod. Schrecklich hatten sich die Reihen der Franken gelichtet. Schließlich blieben nur noch Hagen und Gunter am Leben.

Gunter drang nun in Hagen, seiner letzten Hoffnung, den Kampf mit Walther aufzunehmen. Doch dieser lehnte unter Hinweis auf seine alte Freundschaft mit Walther ab. Als ihn Gunter schließlich an seinen Lehenseid erinnerte, gab Hagen nach und willigte ein. Doch hier am Wasigenstein habe auch er keine Chance gegen Walther und man solle warten, bis Walther und Hildegunde abgezogen waren. Die müden Recken auf beiden Seiten gönnten sich eine Nacht lang Ruhe.

Am nächsten Morgen war Walther sehr erstaunt, es war nämlich kein Feind mehr zu sehen. So zog er halb hoffend, halb bangend, mit seiner Hildegunde weiter. Doch auf einer Lichtung, noch in der Nähe des Wasigensteins, stellte Gunter und Hagen das Paar.

Walther erinnerte seinen alten Gefährten Hagen an beider Freundschaft, doch traurig forderte Hagen Walther zum Kampf: Walther habe seinen Neffen Patafried erschlagen und im übrigen stünde er unter dem Eid Gunters.

Der Kampf begann, zwei gegen einen, und die Jungfrau Hildegunde beobachtete mit bangem Blick das Geschehen. Heftig tobte der Streit und Walther fügte dem König Gunter eine schwere Wunde am Oberschenkel zu. Schon schien der König verloren, denn Walther holte zu einem letzten Schlag aus. Da warf sich Hagen von Tronje mutig zwischen seinen Herrn und seinen Freund. Am Helm Hagens zerbrach die Klinge Walthers. Hagen nutzte seine Chance sofort und schlug mit kräftigen Streich Walther die rechte Hand ab. Von Schmerz und Grimm durchzuckt, zog Walther mit der Linken sein hunnisches Krummschwert und schmetterte es mit solcher Gewalt über den helmbewehrten Kopf Hagens, daß dieser ein Auge und sechs Backenzähne verlor.

Der Kampf war beendet und Hagens Traum hatte sich bewahrheitet. Walther rief nach Hildegunde. Diese erschrak, doch sie beeilte sich, den Aufforderungen Walthers, zuerst seinen Freund Hagen, dann sich selbst, zuletzt aber den perfiden König Gunter zu versorgen, nachzukommen. Die alten Freunde versöhnten sich und nach ein paar Tagen der Genesung, traten Walther und Hildegunde die Heimreise an. Bald darauf wurde ihre Hochzeit gefeiert.

Neben dieser Erzählung gibt es weitere Sagen im Dunstkreis des Wasigensteins, so über den nahe gelegenen Maimont, einer keltischen Kult- und Opferstätte. Unter anderem ist dort von einem verborgenen Schatz die Rede.


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Hildegunde und Walther
vor der Silhouette des Wasigensteins

(Mosaik an der Waltharieklause in Petersbächel)